Was alte Schiffe bewirken können - Wiedersehen nach 62 Jahren! 

Im Museumshafen Greifswald liegen bekanntlich eine ganze Menge alter Schiffe. Jedes davon hat seine Geschichte und die ist für die Besucher des Museumshafens lesbar auf den Info-Tafeln bei jedem Schiff in wesentlichen Teilen dokumentiert, so auch beim Besanewer „ALFRED“. 

Im August 2007 wurde nun eine Besucherin beim Lesen der Tafel am Liegeplatz der  „ALFRED“ an Erzählungen ihrer Großmutter erinnert, wie die Familie im März 1945 vor der heranrückenden Roten Armee aus Stepenitz auf einem Schiff nach Demmin flüchtete.

Dieses Schiff hieß „ALFRED“ und auf der Info-Tafel fand sie, dass der Besanewer „ALFRED“ damals in Stepenitz beheimatet war. 

Anlässlich des 94. Geburtstages dieser Oma am 13. August, sollte das Schiff nun im Hafen besichtigt werden, aber leider war es nicht da, der jetzige Eigner war gerade mit Freunden segeln. 

Wenige Wochen später ereignete sich aber dann ein Zufallstreffen: die Familie mit Oma traf bei einem erneuten Versuch den Eigner und seine Frau am Schiff an! 

In kürzester Zeit stand fest, dass es genau das Fluchtschiff der Familie war und es wurde ein ausgiebigeres Treffen der Familie auf dem Schiff arrangiert. Zur Abrundung des damaligen Personenkreises kam nun noch der glückliche Umstand hinzu, dass der jetzige Eigner den Alfred Hilgendorf, nach dem das Schiff benannt war und dessen Vater 1945 das Schiff führte, kannte und mit einem schnellen Telefongespräch zu dem Treffen einlud. 

So wurde denn das Treffen im „ALFRED“ am Samstag, dem 22.September  2007, mit insgesamt 17 Personen zu einer bewegenden Erinnerung an die Zeiten in Stepenitz am Papenwasser der Oder (jetzt Stepnica in Polen) und der Flucht auf dem Schiff. Gemeinsam konnten die damals Erwachsenen, die jetzige Uroma Frau Liselotte Behrendt und Alfred Hilgendorf, der die genauen Aufzeichnungen seiner Mutter von der Flucht mitgebracht hatte, den Anwesenden die Geschichte in vielen Einzelheiten vertellen aber auch präzisieren.

Die Familie war immer von ungefähr 30 Flüchtlingen ausgegangen, aber es waren 55 wie die Aufzeichnungen der Frau Hilgendorf belegten: 

55 Stepenitzer Einwohner waren am 5.März auf der „ALFRED“ übers Haff Richtung Westen geflohen, in der Hoffnung, dort bessere Überlebenschancen in den letzten Tagen des Krieges zu haben und später zurückkehren zu können. Darunter eben auch die Familie des Kolonialwaren- und Kohlenhändlers Lutz mit der erwachsenen Tochter Liselotte Behrendt und ihren zwei Kindern Karin (6 Jahre alt) und Lutz (5 Jahre alt) und natürlich allem was für das Überleben gebraucht wurde, den Zuckersäcken und anderen Lebensmitteln aus dem Kolonialwarengeschäft, dem Federvieh und so weiter. Dass die Familien Lutz und Hilgendorf im Stepenitzer Kohlehandel Konkurrenten waren, spielte in der Situation keine Rolle, man half sich und anderen!

Zu den Einzelheiten dieser Flucht gehört auch, dass die Flüchtlinge in Ziegenort (jetzt Trzebiesz)  auf ein Ausbildungsschiff der Kriegsmarine, die „Admiral von Trotha“, umsteigen mussten, um dem Beschuß durch Sowjetische Flugzeuge zu entgehen, in Anklam dann aber wieder auf „ALFRED“ aufstiegen und so nach 2 Wochen Demmin erreichten, wo die Familien Lutz/Behrendt das Schiff verließen und in Alt Tellin ein neues Leben anfangen konnten. 

Bei diesem Treffen auf „ALFRED“ erinnerte man sich auch daran, dass zur selben Zeit Anfang 1945 auf drei anderen Schiffen, der "Gustloff", der "Steuben" und der "Goya",    mindestens 17.000 Menschen auf der Flucht umkamen! So erschien die Flucht auf „ALFRED“ wie ein geschenktes neues Leben.

Solche Geschichten stecken in alten Schiffen!

 

Hinrich Meyer

Eigner des Besanewers „ALFRED“